Ist nachhaltige Entwicklung nur
in Friedenszeiten möglich?

Pflanze wächst aus Erde

Als Reaktion auf die Ukrainekrise befördert Europa wichtige Nachhaltigkeitsziele auf die Abstellgleise, um Nahrungsmittelversorgung zu gewährleisten. Anne Charlotte Bunge, Doktorandin am Stockholm Resilience Centre, erklärt, wie es um unsere Ernährungssicherheit inmitten multipler Krisen steht und wie wir akut sowie langfristig reagieren sollten. Ein Interview über die große Bedeutung resilienter Landwirtschaft und ein Plädoyer für Hülsenfrüchte in einer nachhaltigen Ernährung.

Wir befinden uns in einer großen Planetaren Gesundheitskrise. Planetare Gesundheit oder Planetary Health beschreibt den Gesundheitszustand der menschlichen Zivilisation und der sie umgebenden Umwelt, von der sie abhängt. Die menschliche und planetare Gesundheit hängen stark zusammen.

Die aktuelle Landwirtschaft und Ernährungsweise, speziell der westlichen Welt, trägt maßgeblich zur Zerstörung unserer Umwelt bei. Will man beide Krisen lösen, ist eine Umstellung des Ernährungssystems – von der Produktion bis zum Konsum – ein wichtiger Ansatz.

Wie sieht die aktuelle Ernährungskrise aus? Warum befeuert der Ukraine-Krieg sie?

Es wird derzeit viel von einer ‚aktuellen‘ Lebensmittelkrise gesprochen, was theoretisch auch stimmt. Es ist aber nicht so, dass am 24. Februar 2022 Russland in die Ukraine einmarschiert ist und dann hatten wir plötzlich eine Lebensmittelkrise. Dieser ging natürlich ein langer Prozess voran.

Unser aktuelles globales Ernährungssystem ist ungerecht, auf allen Ebenen. Daher trifft die Krise Länder unterschiedlich stark. Mein Forschungsfokus sind Ernährungssysteme in Skandinavien. Hier wie auch in den anderen westlichen Ländern sind wir mit höheren Lebensmittel- und Energiepreisen und einer dadurch bedingten Inflation konfrontiert. Düngemittel werden knapper und vor allem teurer.

In Ländern des globalen Südens sieht es ganz anders aus: Die Ernährungssysteme waren bereits in den Jahren davor sehr geschwächt. Seit 2011 gab es immer wieder Preissteigerungen. Die Landwirtschaft ist häufig mit unvorhersehbaren Umweltkatastrophen und damit einhergehenden Ernteausfällen konfrontiert. In ohnehin schon trockenen Gebieten – das gilt auch für einige Mittelmeerländer – gibt es immer mehr Gegenden, die wegen Wasserknappheit aufgrund langer Dürreperioden nicht mehr für die Landwirtschaft nutzbar sind. Viele afrikanische Länder sind besonders auf Weizen aus Russland und der ‚Kornkammer‘ Ukraine angewiesen. Die Unterbrechung der Lieferketten führte dort zu akuter Hungersnot.

Ägypten, zum Beispiel, importiert 90 Prozent des Weizens aus diesen beiden Ländern. Es gäbe auch andere Lieferländer: USA, Kanada, die EU. Warum also ist Ägypten vom Getreide aus den beiden Ländern abhängig? Das liegt an unserem sozialpolitisch sehr ungerechten Weltsystem. Ärmere Länder sind auf billige Weizenimporte angewiesen. Die EU hingegen kann sich Getreide aus den USA oder Kanada leisten. Außerdem produzieren wir selber auch Getreide für den Eigenbedarf.

Die Lebensmittelversorgung wurde schon immer von Krisen beeinflusst. Neu ist, dass die aktuellen Krisen miteinander verknüpft sind, sich gegenseitig verstärken und sich dadurch potenzieren.

Der Direktor des World Food Programmes David Beasley hat es sehr treffend formuliert: Umweltkatastrophen, die Coronapandemie, steigende Preise und die Unterbrechung der Lieferketten aus der Ukraine und Russland als i-Tüpfelchen haben den ‚perfekten Sturm‘ kreiert.

Wie hat Europa reagiert?

Eine große Errungenschaft der EU ist die Farm2Fork-Strategie aus dem Jahr 2020 als Teil des Green Deals. In dieser wurde die Halbierung des Pestizideinsatzes in der EU und der Schutz der Artenvielfalt festgelegt – beides essenziell, um zukünftig Nahrungsmittelversorgung sicherstellen zu können. Seit Beginn des Ukrainekriegs wurde von verschiedenen Interessensgruppen versucht, diese Ziele zu untergraben. Deren Hauptargumente sind erstens Ertrag: „Wir müssen jetzt so viele Lebensmittel wie möglich produzieren.“ Und zweitens: „Ökologische Landwirtschaft braucht mehr Fläche für den gleichen Ertrag (das stimmt per se), also lieber konventionell.“

Manche EU-Länder – darunter Deutschland – haben als Reaktion auf die Ukraine-Krise einige dieser Ziele der Farm2Fork-Strategie vorerst über Bord geworfen. Ernährungssicherheit für die Zukunft wird derzeit wenig politisiert.

Was leistet die globale Landwirtschaft momentan, was eine nachhaltige Landwirtschaft vielleicht nicht kann?

Sie kann Masse produzieren, durch groß strukturierte Monokulturen und den Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Das Credo: Bei Lebensmittelknappheit müssen wir auf Masse setzen. Tatsache ist aber, diese Art der Landwirtschaft ist nicht krisensicher, stark anfällig für extreme Klimaereignisse und die Lebensmittelversorgung ist im Falle gekürzter Lieferketten nicht aufrechtzuerhalten.

In Europa herrscht jedoch keine Lebensmittelknappheit! Es gibt auch keine globale Lebensmittelknappheit, sondern die Lebensmittel werden ungleich verteilt.

Ein Beispiel: Die Produktion tierischer Lebensmittel (speziell von rotem Fleisch) braucht immens viele Ressourcen. 80 Prozent der bewirtschafteten Fläche wird dafür verwendet. Tierische Lebensmittel tragen aber nur zu 18 Prozent der global konsumierten Kalorien und nur 37 Prozent des Proteinbedarfs bei (Potsdam Institut für Klimafolgenforchung, Science). Ein absurdes Verhältnis!

In der öffentlichen Diskussion wird das derzeit viel zu wenig betont.

Welche ad-hoc Lösungen gibt es, die die derzeitige Krise abschwächen können, die nachhaltige Entwicklung aber nicht aufs Abstellgleis befördern?

Wissenschaftler*innen des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung schlagen drei Kernmaßnahmen für die EU vor um die akute Krise abzufangen und gleichzeitig die menschliche Gesundheit und eine langfristige nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten:

  1. Der Tierbestand muss reduziert werden, sodass Getreide nicht als Tierfutter, sondern direkt vom Menschen verzehrt werden kann. Wenn die EU den Bedarf an Futtermittelgetreide um ein Drittel reduziert, könnten wir den Mangel an Getreide und Ölsaaten aus der Ukraine kompensieren, so die Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO.
  2. Weniger tierische Lebensmittel. Dafür muss der Hülsenfrüchteanbau und -verzehr stark ausgebaut werden. So verringern wir die Abhängigkeit von Düngemitteln und Gas aus Russland, gleichzeitig produzieren wir damit große Mengen an Kalorien und Proteinen.
  3. Die Lebensmittelverschwendung muss drastisch reduziert werden. 30 Prozent der erzeugten Lebensmittel werden verschwendet. Das können wir uns in der aktuellen Lage und auch sonst einfach nicht leisten. Weizen, der in der EU unverwendet bleibt, beträgt etwa die Hälfte der ukrainischen Weizenexporte.

Weitere Maßnahmen sind ein Fonds, der den Landwirt*innen bei der Produktionsumstellung hilft sowie eine andere Besteuerung der Lebensmittel. In Deutschland wird zum Beispiel Gemüse höher besteuert als Fleisch. Das muss sich umdrehen. Auch Umweltkosten und soziale Kosten gehören berücksichtigt um den realen Preis der Produkte abzubilden.

Ein entsprechender Maßnahmenplan für Entscheidungsträger*innen wurde im März 2022 innerhalb weniger Tage von über 600 hochrangigen Wissenschaftler*innen unterzeichnet. Ein klares Zeichen, wo es hingehen soll!

Warum ist Resilienz wichtig in der Lebensmittelproduktion?

Resilienz spielt in unterschiedlichen Disziplinen eine Rolle. Die Materialforschung fragt immer, welches Material am Resistentesten gegenüber Wetter, Stürmen, usw. ist. In der Psychologie bedeutet Resilienz, dass wir gut mit Stress oder schlimmen Ereignissen umgehen können.

Krisen und Katastrophen gab es immer. Sie sind ein inhärenter Teil unserer Gesellschaft und des Planeten Erde. Daher müssen auch Ernährungssysteme resilienter – also widerstandsfähiger – sein.

Zum einen: Wie schafft die Landwirtschaft es, Böden klimafit zu machen oder mit Polykulturen Alternativen zu schaffen, um Ernteausfälle einer Sorte besser zu verkraften. Zum anderen: Wie teilen wir Lebensmittel gerecht auf? Wie können wir die Unterbrechung von Lieferketten vermeiden?

Wie sehen sichere Ernährungssysteme aus?

In Krisenzeiten sind es häufig die Kleinbauern und -bäuerinnen, welche die Nahrungsmittelversorgung in ihrer Umgebung stemmen. Sowohl in den westlichen Ländern als auch im globalen Süden: Wir sind plötzlich abhängig von alternativen, kleinräumigeren Nahrungsmittelsystemen, den heimischen Lebensmittelproduzent*innnen, wie zum Beispiel dem Biokistl oder solidarischen Landwirtschaften (=community supportet agriculture). Seit Beginn der Coronakrise erfahren solche Konzepte in Europa großen Aufschwung.

In einigen afrikanischen Ländern hat sich gezeigt, dass lokale Kleinlandwirt*innen flexibler auf Ernteausfälle oder Klimakatastrophen reagieren, da sie sich leichter organisieren können. Vor allem Frauen schaffen derzeit neue Communities und suchen nach Alternativen zu Weizen. Viele Initiativen werden auch vom World Food Programme unterstützt. Kleine Communities haben leider zu wenig Macht auf politischer Ebene, weshalb ihre Ansätze nicht in großem Stil umgesetzt werden.

Wie schaffen wir also die Transformation des Ernährungssystems?

Um die Transformation in Richtung nachhaltige Ernährungssysteme zu schaffen, brauchen wir vor allem gerechte Strukturen. Das ‚Nord-Süd-Gefälle‘ muss aufgehoben werden. Wir müssen auf die Klima- um Umweltforschung hören, um die Lebensmittelversorgung im globalen Süden sicherzustellen.

Fünf Agrarkonzerne (die vier sogenannten ABCD-Unternehmen plus das chinesische Unternehmen Cofco), kontrollieren derzeit einen Großteil der globalen Getreideverteilung und somit der Verteilung von Futtermitteln. Viele Landwirt*innen sind von deren Vorgaben abhängig. Indem wir Subventionen umverteilen auf kleine Betriebe, erhalten wir die lokale Versorgung, anstatt wenige große Unternehmen zu fördern, die wiederum mehr Macht auf die Politik ausüben, um eigene, oft profitorientierte Interessen voranzutreiben. Die Gemeinsamen Agrarpolitik – das EU-weite Förder- und Entwicklungsprogramm für Landwirtschaft – funktioniert jedoch Großteils noch immer so.

Und auf Seiten der Ernährung?

Eine drastische Reduktion der tierischen Lebensmittel auf unserem Speiseplan!

Besser wäre es sich an der Planetary Health Diet zu orientieren, die weitaus weniger Ressourcen verbraucht. Hülsenfrüchte sind hier regelrechte Power-Früchte: Sie brauchen keine künstlichen Dünger, denn sie sind Stickstoff-Lieferanten für den Boden und ausgezeichnete Nährstofflieferanten. Sprechen wir von unterbrochenen Lieferketten, wissen wir, dass Hülsenfrüchte getrocknet oder in Dosen jahrzehntelang haltbar sind.

Viele Betriebe sind auf die Fleischproduktion spezialisiert. Eine Umstellung scheint für viele kaum machbar, vor allem nicht in kurzer Zeit. Was antwortest du darauf?

Wir reden sehr viel über Generationengerechtigkeit im Kontext des Klimawandels, aber kaum darüber, dass auch unsere Ernährungssysteme Generationengerechtigkeit brauchen.

Alle Entscheidungen, die wir jetzt machen, lasten auf der Ernährungssicherstellung in Zukunft.

Momentan erlauben wir uns, noch mehr Fläche für noch mehr Futtermittel zu verwenden, um dasselbe Maß an Fleischkonsum beizubehalten. Wir nehmen in Kauf, dass noch mehr Bodenqualität und Biodiversität unwiederbringlich verlorengehen. Das auf Kosten zukünftiger Generationen, deren Nahrungsmittelversorgung wir damit massiv gefährden.

Es geht dabei nicht nur um unzureichende Mengen an Lebensmitteln, sondern auch darum, dass die Lebensmittelproduktion immer teurer werden wird: künstliche Bestäubung aufgrund des Insektensterbens, immer schlechtere Böden, die weniger Ertrag bringen, usw.

Das muss sich die Politik wirklich überlegen. Eigentlich ist vieles in unseren Gesetzen festgelegt: Schuldenmaxima in unseren Finanzgesetzen, Brachflächen für die Biodiversität, usw. Vieles wird derzeit einfach ‚aufgehoben‘. Niemand weiß, wie zukünftige Generationen all das abfedern sollen.

Ernährungsgewohnheiten bilden sich schon in der Kindheit. Was würdest du einer Person raten, die gerne fünf Mal pro Woche Fleisch isst? Wo fängt man an.

Das Beste ist, es uns als Gesellschaft zu leisten, in Schulen den Kindern nachhaltiges Essen anzubieten und die Eltern so mit ins Boot zu holen.

Was ich einer Person raten würde, die schon 60 Jahre Geschmackserlebnis hinter sich hat? Ich würde es mit Bildung versuchen und auch das ‚Nudging-Prinzip‘ anwenden: Leuten, die sich nicht für Ernährung interessieren, fällt es vielleicht gar nicht auf, wenn in öffentlichen Institutionen, im Krankenhaus, etc. nachhaltigere Speisen am Teller sind. Der öffentliche Sektor kann damit bestimmt Großes in der Gesellschaft anstoßen.

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Anne Charlotte Bunge, MSc
Anne Charlotte Bunge, MSc

beforscht am Stockholm Resilience Centre der Stockholm University wie nachhaltig neue, innovative Ernährungssysteme sind und misst deren Potential am Weg zu einer umfassend nachhaltigen Nahrungsmittelversorgung in den nordischen Ländern. Sie studierte Public Health an der Charité in Berlin und hat in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation ihre Masterarbeit im Bereich nachhaltiger Ernährung geschrieben.

 

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