Ist Bio wirklich
die Zukunft?

Die biologische Landwirtschaft muss immer wieder harsche Kritik einstecken. Wir räumen mit den gängigsten Mythen auf, ob Bio wirklich die Welt nicht ernähren kann, oder gar global gesehen weniger nachhaltig als konventionelle Landwirtschaft ist…

Info Box: Bio ist ein geschützter Begriff. Wenn ein Lebensmittel als Bio deklariert ist, muss es zumindest der EU-Öko-Verordnung entsprechen. Darüber hinaus gibt es Produkte, die weitreichenderen Richtlinien von Verbänden und Vereinen, oder beispielsweise dem Prüf Nach!-Standard entsprechen.

1. Bio kann die Weltbevölkerung nicht ernähren

Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass Bio zu geringe Erträge pro Hektar produziert und somit die Weltbevölkerung nicht ernähren könnte. (Eva-Marie Meemken, Matin Qaim 2018)

Fakt ist, dass derzeit für 9 Milliarden Menschen Nahrung produziert wird, obwohl es nur 7,9 Milliarden gibt. Aufgrund von ungerechter Verteilung gibt es 800 Millionen unterernährte und  2,2 Milliarden übergewichtige Menschen. Zusätzlich vernichten wir global jedes dritte Lebensmittel ungenutzt und konsumieren viel mehr Fleisch, als von Gesundheitsorganisationen empfohlen wird – in der EU dreimal zu viel. Weltweit wird ein Drittel der Landfläche für die Tierhaltung und -fütterung gebraucht. Sie zählen damit mit Abstand zum größten Landnutzer. Würden weniger tierische Produkte gegessen, bräuchte es weniger landwirtschaftliche Flächen.

Bio kann somit 9 Milliarden Menschen ernähren, wenn der Fleischkonsum und die Lebensmittelverschwendung reduziert werden (Nature Communications 2017). Angesichts des Tierleids in der Massentierhaltung und der verwerflichen Vergeudung von Nahrung, ist dieser Weg auch der ethisch korrekte.

2.    Die Erträge bei Bio sind viel kleiner

Ja, im Durchschnitt sind die Erträge der Biolandwirtschaft derzeit niedriger als im konventionellen Bereich. Konventioneller Getreideanbau beispielsweise erwirtschaftet um bis zu 50 Prozent höhere Erträge als Bio. Grund für den Vorsprung sind, dass seit einem Jahrhundert viel Geld in die Erfindung von chemisch-synthetischen Pestiziden und Düngemitteln und daran angepasste Kulturpflanzen floss. Die Suche nach passenden Kulturpflanzen, die im Biolandbau gute Erträge bringen, hat hingegen gerade erst begonnen. Derzeit bedient sich der Biolandbau noch konventionellen Saatgutes.

Zusätzlich schmilzt der Vorteil der konventionellen Landwirtschaft zusehends dahin:

  1. Pflanzen und Schädlinge bilden vielfach Resistenzen aus und die Agrochemie kommt mit der Entwicklung neuer Wirkstoffe nicht mehr hinterher. Sie pocht auf raschere Zulassung, die aber schon jetzt zu lasch ist. Wirkstoffe werden zwar ausführlich getestet, die so jedoch nie aufs Feld ausgebracht werden, sondern immer in Verbindung mit Trägerchemikalien und diversen Zusatzstoffen. Das fertige Produkt/ Pestizid wurde daher nicht ausführlich untersucht. Außerdem wenden Landwirte auf ihren Flächen selten nur ein Pestizid an. Die Wechselwirkungen und Risiken sind schwer abschätzbar, aber am Artenschwund, Katastrophen wie DDT oder entsetzlichen Folgen von Neonikotinoiden deutlich zu beobachten.
  2. Außerdem befinden sich Böden vielerorts in einem kritischen Zustand: zu schwere Maschinen, zu viele Ernten, zu wenig Schutz vor Erosion, zu hoher Einsatz von Agrochemie reduzieren die fruchtbare Humusschicht rasant. 3,2 Milliarden Menschen sind dadurch in ihrer Existenzgrundlage gefährdet. Die weltweite Erntemenge wird in den nächsten 30 Jahren um durchschnittlich 10 Prozent abnehmen, mancherorts mehr, mancherorts weniger (Berichte von IPBES).

3.    Bio ist klimaschädlich

Oft wird die konventionelle Landwirtschaft als klimaschonender bezeichnet, denn sie erzielt mehr Ertrag je Hektar, wodurch weniger landwirtschaftliche Flächen benötigt werden und nicht genutzte aufgeforstet werden könnten. Aus diesem Blickwinkel ist die konventionelle Landwirtschaft also klimafreundlicher.

Klar, kommt jetzt ein Aber.

Die Landwirtschaft ist ein komplexes über Jahrtausende gewachsenes System, sie auf einen einzigen Wert (Ertrag) zu reduzieren ist unsinnig. Die Bio-Landwirtschaft ist bei Biodiversität (z.B. dreimal so viele Pflanzenarten, bis zu 150 % mehr Regenwürmer), Erosion (bis zu 93 % geringer), Giftigkeit für die Umwelt (bis zu 81 % weniger) und Klimaschutz deutlich besser als die konventionelle. Einzig der Ertrag ist geringer. (Science Advances 2021)

Pavan Sukhdev warnt im Juni 2018 ebenfalls in Nature davor, Landwirtschaft nur auf Ertrag zu reduzieren. Die Ertragsmaximierung bei Tieren zeigt ebenso deutlich, dass diese niemals nachhaltig sein kann, denn Tiere und Pflanzen sind Lebewesen. Organismen stoßen irgendwann an Grenzen. Eine Hochleistungs-Milchkuh lebt schon jetzt nur noch 4-5 Jahre, obwohl Rinder eine Lebenserwartung von etwa 15-25 Jahren hätten. Wird der Ertrag weiter gesteigert, wird die Lebenserwartung sinken. Ganz abgesehen von der damit verbundenen Qualzucht, werden auch die Ressourcen vergessen, die für die Aufzucht einer Kalbin bis ins geschlechtsreife Alter notwendig sind. Dieser Ressourcenaufwand und der damit verbundene CO2 Ausstoß fließt nicht in die Momentaufnahme der Ertragsrechnungen ein.

Zusätzlich ist Bio klimafitter, es ist deutlich besser bei der Wasserverfügbarkeit und -nutzung. Bei Trockenheit zeigt die Bio-Landwirtschaft daher höhere Ertragsstabilität.

Wohin muss sich Bio bewegen?

Die Zukunft der Landwirtschaft wird ein Balanceakt zwischen der Erhöhung der Erträge, Reduktion der Treibhausgasemissionen, Bewahrung der Naturvielfalt, gesunder Ernährung, Achtung der Nutztiere und Anpassung an den Klimawandel sein. Von Bedeutung ist es in Systeme zu investieren, die auf die Erhaltung natürlicher Kreisläufe setzen und nicht von endlichen Ressourcen abhängig sind.

Auch die Landwirtschaftspraktiken sollten weiterentwickelt werden. Ideen und Konzepte wie Verzicht auf Pflügen, Agroforstsysteme, wo Baumreihen mit Ackerfrüchten kombiniert werden, oder Milpa, die schon die Mayas betrieben haben, wo etwa Mais, Bohne und Kürbis gemeinsam gepflanzt werden, verdienen mehr Beachtung. Sowohl Systeme der Vergangenheit, als auch neue Ansätze müssen erforscht werden. Denn sicher ist, dass die industrielle Landwirtschaft keine Option für die Zukunft ist, da sie vielerorts für gravierende Umweltprobleme, wie Landdegradation, Biodiversitätsverlust, Wasserverschmutzung und Klimawandel verantwortlich ist. Sie kann uns nicht weiter alle ernähren, wenn sie die eigene Grundlage in diesem Ausmaß zerstört.

Ignorieren wir also zukünftig reißerische Schlagzeilen, die uns weismachen wollen, dass Bio nicht zukunftsfähig ist und schenken ihnen nicht mehr unsere wertvolle Zeit. Stecken wir die Energie in die Unterstützung einer Landwirtschaft, die Lebewesen als Lebewesen wahrnimmt und nicht als Zahlen.

Autorin: Isabell Riedl

Dr. Isabell Riedl ist seit 2012 als Nachhaltigkeitsbeauftragte und in der Kommunikation der Werner Lampert GmbH tätig. Sie studierte Ökologie mit Schwerpunkt Natur- und Landschaftsschutz und Tropenökologie an der Universität Wien. Ihre Dissertation verfasste sie über die Bedeutung von Baumreihen in landwirtschaftlichen Gebieten für Waldvögel in Costa Rica. Zeit ihres Lebens hat sie sich insbesondere der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben. Sie ist Teil des Redaktionsteams des Online-Magazins „Nachhaltigkeit. Neu denken.“

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