Bio.
Zukunft?

einzelne Weizenähre im Licht des Sonnenuntergangs auf einem Acker

Klimaerwärmung, Artensterben, Corona und jetzt auch noch der Ukraine-Krieg. Globale Probleme sind sichtbarer und spürbarer denn je. Die Tagespolitik ist geprägt von ad-hoc Entscheidungen, die kurzfristig Entlastung bringen sollen. Nachhaltige Entwicklung wird häufig ‚verschoben‘, auf später. In der Landwirtschaft ist das altbekannte Credo „Masse produzieren“ wieder in aller Munde. Doch ist es auch altbewährt?

In diesem Schwerpunkt erzeugt unsere Redaktion bewusst Gegenwind. Wir ziehen die globale Landwirtschaft in die Verantwortung, Weitblick zu bewahren, um kurz- sowie langfristig für Nahrungsmittelsicherheit zu sorgen. Denn Landwirtschaft hat viel mehr Aufgaben, als Erträge auf „Teufel komm raus“ zu erwirtschaften. Eine nachhaltige Entwicklung in der Landwirtschaft darf dabei nicht nur in Friedenszeiten verfolgt werden. Im Gegenteil, nachhaltige Landwirtschaft wird besonders in Krisenzeiten zur Superkraft.

Am 14. Mai 2022 verpflichteten sich die G7 Agrarminister*innen ausdrücklich dazu, die Entwicklung nachhaltiger Ernährungs- und Agrarsysteme trotz der akuten Lebensmittelkrise mit Ehrgeiz fortzuführen. Ein starkes Versprechen, das gehalten werden will!

Diverse Vertreter*innen der Agrarlobby haben es seit Beginn des Ukrainekriegs geschafft, dass die EU wichtige Nachhaltigkeitsvorgaben ‚aufhebt‘. Braucht es jetzt wirklich Intensivlandwirtschaft bis auf den letzten Quadratmeter? Anne Charlotte Bunge, Doktorandin am Stockholm Resilience Centre der Universität Stockholm, widerspricht und erklärt, dass wir in Europa in Wahrheit keine Nahrungsmittelknappheit haben. Sie wird als Totschlagargument benutzt, um ein ‚weiter wie bisher‘ zu rechtfertigen. Eigentlich hat das Ernährungssystem eine tiefgreifende Transformation vor sich, entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Nahrungsmittelproduktion über das Essen bis hin zum Wegwerfen von Lebensmitteln. Sie betont: „Alle Entscheidungen, die wir jetzt machen, lasten auf der Ernährungssicherstellung in Zukunft.“ (Mehr im Interview)

Zu diesen Entscheidungen zählte leider auch die der EU, aufgrund der vermeintlichen Lebensmittelknappheit Brachflächen wieder voll zu bewirtschaften. Brachflächen, ‚kleine‘ 4 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Europas, sind ein wichtiger Lebensraum für Insekten und Tiere und wirken somit der Biodiversitätskrise erfolgreich entgegen. Eine politische Entscheidung die sich gewaschen hat. Eine Partei schaffte es dabei nicht auf den Verhandlungstisch: die Feldlerche, die nach ihrem Winter im Süden mit einer ‚Immobilienkrise‘ der tierischen Art konfrontiert wurde, denn ihre Nistplätze sind verschwunden. (Mehr zum Verlust der Brachflächen im Interview mit der Feldlerche höchstpersönlich)

Ein Perspektivenwechsel ist bitter notwendig.

Im globalen Süden ist die Lebensmittelknappheit durch Ausfuhrstopps aus der Ukraine und Russland, jedoch real. Einen Lokalaugenschein über die Situation im Senegal und der Sahelzone gibt uns Ousmane Pame. Er ist Präsident des REDES Netzwerks, einer Initiative, die sich der Entwicklung von ‚Ökodörfern‘ in der Sahelzone verschreibt.

Aus seiner Sicht fördert die aktuelle Lebensmittel-Krise bereits bestehende Probleme, wie Zerstörung der Bodenqualität, viel zu hoher Energieverbrauch, Wasserverschmutzung durch Pestizide, gesundheitliche Probleme durch die Intensivlandwirtschaft und die große Abhängigkeit von globalen Lieferketten.

In den Ökodörfern hingegen schaffen es die Menschen, ihre Umgebung wieder zu beleben, indem sie schonende, ursprüngliche Landwirtschaft und Agroforstwirtschaft betreiben, Flächen aufforsten und damit Ökosysteme wieder re-etablieren, Arbeitsplätze und Bildungseinrichtungen schaffen (Mehr dazu im Interview).

Bad Boy Bio?

Auch wenn die biologische Landwirtschaft vielerorts beweist, wie resilient sie in Krisenzeiten ist, steht sie besonders dieser Tage stark in der Kritik. Die Agrarlobby kreidet ihr an, sie sei in Zeiten von Hungersnot moralisch nicht vertretbar, da sie zu wenig Ertrag bringe, zu viel Fläche brauche oder zu teure Produkte hervorbringe. So befeuere Bio die aktuelle Krise.

Erik Frydwald, CEO von Syngenta, ging sogar so weit, dass er behauptete, dass der Konsum von Bio-Lebensmitteln und das Ziel der EU von 25 Prozent Biolandwirtschaft indirekt mit dem Hunger in Afrika zusammenhängen (Salzburger Nachrichten). Den Expert*innen der Zukunftskonferenz der Universität für Bodenkultur im April 2022 gelang es mit Leichtigkeit, seine Aussage zu entkräften: Es sei eine völlig absurde Theorie und eine unnötige Provokation, denn solch ein Zusammenhang lässt sich nicht messen.

Stichwort Preis: Nehmen wir unsere Lebensmittelpreise doch mal kurz unter die Nachhaltigkeits-Lupe und sprechen wir von Kostenwahrheit. Umwelt- und soziale Schäden, die in der Lebensmittelproduktion verursacht werden, sind nämlich nicht inbegriffen. Diese Punkte, aus denen Folgekosten entstehen, fallen bei der Bio-Landwirtschaft in der Regel wesentlich geringer aus. Im Artikel zu True-Cost-Accounting, stellen wir dir eine einfache Rechenaufgabe, die dich überraschen wird.

Stimmungs-Bilder

Auch Werner Lampert, der sich mehr als ein halbes Jahrhundert mit der Weiterentwicklung der Landwirtschaft auseinandersetzt, verteidigt im Interview vehement die Notwendigkeit der Bio-Landwirtschaft. Zurücklehnen und sich auf die Wunder der Technik – allen voran der vermeintlich vielversprechenden Gentechnik – verlassen, sei keine Lösung. Er animiert die Bio’lobby‘ dazu, die Bio-Landwirtschaft noch besser, krisenresilienter und zukunftsträchtiger zu machen. Sie hat jetzt schon einen weiten Vorsprung gegenüber der konventionellen.

Zwei Prüf Nach!-zugelassene Bio-Bauernhöfe im Mühl- und Waldviertel beweisen dies in der Praxis. Mit nachhaltigen Anbaumethoden ist man weitaus weniger in globale Verstrickungen involviert. In zwei Interviews gehen Humusbauer Hubert Stark und die Bäuerinnen des Loidholdhofs am Sonnenbankerl mit uns in die Tiefe (des Humusbodens) und sprechen über ‚enkeltaugliches‘ Wirtschaften im Einklang mit der Natur.

Ist Bio noch leistbar?

Ein paar Gedanken zum Weiterdenken liefern unsere Kolleg*innen, für die biologischer Konsum hohe Priorität hat:

„Es ist für mich selbstverständlich Bio zu essen, ich bin so aufgewachsen. Mir ist total wichtig ursprüngliche und gute Lebensmittel zu essen, da verzichte ich lieber auf etwas Anderes.“
„Aus gesundheitlichen Gründen entscheide ich mich immer für Bio – Stichwort Spritzmittel, Antibiotika und Co.“ „Ich will damit die heimische Landwirtschaft unterstützen und die Biodiversität erhalten.“

Wie gehen die überzeugten Bio-Esser*innen mit den steigenden Lebensmittelpreisen um? „Fairerweise muss man sagen, wir kaufen Bio, weil wir es uns derzeit noch leisten können.“

Neue Einsparungsmethoden hatten bei ihnen schon eine Umstellung beim Essen zur Folge: „Wenn ein Steak 15 Euro kostet, überlegt man schon mehrfach. Neulich haben wir uns dann einfach ein Steak zu zweit geteilt.“ „Die zwar sehr geliebten, aber teuren Snackprodukte fallen derzeit bei uns dem Bio ‚zum Opfer‘. Mehr selber kochen ohne verarbeitete Produkte, macht Essen auch leistbarer.“ Es hat auch etwas Gutes: „Wir Menschen überdenken nun mehr unseren Konsum.“

Krisen sind ein paradoxes Phänomen: Sie sind meist nicht nur tragische, leidvolle Ereignisse, sondern entzünden in den Menschen neue Energie zum Handeln, zu neuem Denken und zum Finden von gemeinsamen Lösungen.

Nutzen wir dieses Momentum, um die äußerst notwendige Transformation unserer Nahrungsmittelproduktion voranzutreiben, anstatt sie kurz gedachten ad-hoc-Entscheidungen unterzuordnen. Denn: Setzt die Landwirtschaft jetzt auf Nachhaltigkeit, können wir zukünftige Krisen besser abfedern. Das ist gewiss!

Es gab schon viele landwirtschaftliche Revolutionen in den letzten 10.000 Jahren der Menschheitsgeschichte. Wir könnten uns inmitten einer neuen befinden und es könnte die wichtigste sein.

Prof. Jules Pretty, University of Essex

Johanna Lehner
Johanna Lehner

Johanna Lehner, BSc, ist Teil des Redaktionsteams von „Nachhaltigkeit. Neu denken“ und seit 2 Jahren Podcasterin beim Wissenschaftspodcast 5MinutenClimateChance.


8 Kommentare

  1. Die landwirtschaftlichen ÖKO-Betriebe müssen auch von ihrer Arbeit leben können . Im Moment ist es mal wieder sehr schwierig und bei einigen Produkten ist praktisch durch Verbraucherzurückhaltung wenig oder auch gar KEIN Absatz möglich . Viele Betriebe entscheiden sich im Moment eher gegen ,statt pro Bio ! Und staatliche Zwangsökologisierung komt bei freiheitlichen Bauern nicht gut an .

  2. Maria und Josef. Bio ist dekadent da es 50 Prozent Ertrag liegen lässt. Und nicht besser für Arten Vielfalt als notill gen Soja. seht nach srilanka. notill ist das System was die Natur kopiert. gen Technik um chemische Mittel ein zusparen. Das nachhaltig Böden vor Erosion zuschützten wie in Lateinamerika mit notill Anbau. Bio ist dekadent mehr nicht es lässt 50 der Welt Bevölkerung verhungern
    frohes Fest

    1. Das ist nicht richtig und auch wissenschaftlich schon widerlegt. Bio kann die Welt ernähren, wenn wir ein gesundes Maß an Fleischkonsum schaffen und weniger Lebensmittel wegwerfen. (Publikation in Nature: https://www.nature.com/articles/s41467-017-01410-w ) Weiters beläuft sich der geringere Ertrag auf 5-34 Prozent, je nach Bewirtschaftungsweise. Das zeigt eine umfassende Meta-Studie (Nature Publikation 2012: https://www.nature.com/articles/nature11069?page=14%20%20%20%20 ).
      Eine Schweizer Langzeitstudie, die seit 1978 durchgeführt wird, kommt zu folgenden Ergebnissen: 10-20 % weniger Ertrag, bei 50 % weniger Dünger und Energieaufwand und 97 % weniger Pflanzenschutzmitteln, gleichzeitig Bodenfruchtbarkeit besser und Artenvielfalt höher: https://www.dbges.de/de/system/files/Tagung_Bern/Exkursionen/g_04_final_0.pdf

      Noch mehr findest du auch hier: https://lampert-nachhaltigkeit.com/ist-bio-die-zukunft/

  3. Wenn wir nichts ändern, werden unsere Kindeskinder das Lied v.Marlene Diedriech “ Weißt du wo die Flüsse sind …Weißt du wo die Wälder sind …Weißt du wo die Vögel sind ..wo sind sie geblieben?

  4. Intensiever Ackerbau mit Dünger und allen Drum und Dran ist aus meiner Sicht nachhaltig und hat es geschafft, dass die Lebenserwartung einen historischen Höchststand erreicht hat.
    Bio ist Ausbeutung der mühsam aufgebauten nachhaltigen Wirtschaftsweise. Die Lebenserwartung wird wieder auf das Niveau der vorindustriellen Zeit sinken und Pilzkrankheiten die längst vergessen waren werden das Genmaterial der Menschen schädigen und Fehlgeburten werden stark zunehmen (durch zum Beispiel Mutterkorn in Grtreide). Außerdem werden durch die Verunkrautung Krankheiten wie Pilzerkrankungen (zum Beispiel Mehltau und Schneeschimmel in Getreide undGrauschimmel in Kartoffel) und Nemathoden (Kartoffelzystennemathoden oder Rübenzystennemathoden) nicht mehr erfolgreich bekämpft, weil die Unkräuter und Ungräser als Wirtspflanzen fungieren. In einem Bestand mit Unkraut wird dadurch die Fruchtfolge unwirksam.
    Ich finde Bio nicht gut und nicht Nachhaltig. Vor Allem Biodiversität ist schädlich und führt auf Dauer aus oben genannten Gründen zu einem zu hohen Einsatz von Fungiziden und Neonikutinoide.
    So sehen die Fakten in Wirklichkeit aus.

    1. Lieber Paul, hast du eventuell Quellen zu den zunehmenden Krankheiten beim Menschen, bei zu viel Biodiversität am Feld? Das habe ich noch nie gehört. Danke Isabell Riedl

  5. Nachhaltige Landwirtschaft funktioniert nur mit gerechten Preisen,egal ob Bio oder Konventionell.
    Aber leider ist das seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall!!

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