Multitalent Landwirtschaft -
Mehr als nur Ertrag

Bunte Maissorten

Durch den Ukraine-Krieg wird der Ertrag einmal mehr zur Messlatte für Erfolg in der Landwirtschaft. Unsere Böden und Felder sind dazu da, Menschen zu ernähren, zu sonst nichts. Ist das wirklich so?

Asien und Afrika hatten in den 1950er und -60er Jahren mit Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen, daher begannen sie Hochertragssorten von Weizen, Mais und Reis anzubauen. Das Credo: Lieber eine landwirtschaftliche Revolution statt gesellschaftlicher Revolutionen. Neue Anbaumethoden kamen zum Einsatz: Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Bewässerungssysteme, maschinelle Bearbeitung von großen Monokulturflächen. Hoher Ertrag und Produktivität waren das zentrale Ziel. Die sogenannte „grüne Revolution“ war in diesem Punkt derart erfolgreich, dass die Menge an verfügbaren Nahrungsmitteln zwischen 1970 und 1990 weltweit pro Person um 11 Prozent stieg. 150 Millionen Menschen schafften es aus der Hungersnot.

Die Revolution hatte aber ihre Kehrseite, die bereits in den 1980er Jahren stark kritisiert wurde: Der hohe Wasser- und Energiebedarf sowie der Einsatz von Dünge- und Pflanzschutzmitteln hatten drastische Folgen für die Umwelt. Hochertragssorten wachsen nur auf nährstoffreichen Böden wirklich gut. Der Anbau nur weniger Sorten führte zu hoher saisonaler Arbeitslosigkeit der landlosen Erntehelfer*innen und die neuen Anbaumethoden waren für Kleinbäuer*innen zu teuer. Die Verarmung der wachsenden Landbevölkerung verschärfte sich weltweit und führte zur Flucht in die Städte, wo das Leben teuer war.

Der Schrei nach Alternativen wurde immer lauter und hält bis heute an. Die Intentionen der „grünen Revolution“ und deren Initiator*innen waren durchaus löblich und notwendig. Sie hat aber auch gezeigt, dass der reine Fokus auf Ertrags- und Produktionsmaximierung in der Landwirtschaft kurzsichtig ist, denn ihre Aufgaben sind wesentlich vielfältiger.

LandWIRTSCHAFT – LandARBEIT

Die Kernaufgabe der Landwirtschaft ist und bleibt die Ernährung der Menschen. Aber die Landwirtschaft (inkl. Forstwirtschaft und Fischerei) ist auch Arbeitgeberin für 874 Millionen Menschen, also 27,4 Prozent der Weltbevölkerung. Sie ist damit der zweitgrößte Arbeitssektor und steht am Anfang der Wertschöpfungskette unseres Ernährungssystems. Weltweit sind 83 Prozent der Höfe kleinbäuerliche Familienbetriebe (unter 2 Hektar) und produzieren ein Drittel der Lebensmittel.

Seit einigen Jahrzehnten geht die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in unseren Breiten zurück, vor allem Kleinbetriebe mit ursprünglicher Landwirtschaft verschwinden. Größere Agrarbetriebe und „-fabriken“ übernehmen immer mehr das Feld. Bäuerinnen und Bauern entwickelt sich hin zu Landwirt*innen eines wirtschaftlich agierenden Betriebs oder nicht selten zu Landarbeitenden in industriellen Großbetrieben. Obwohl die Bevölkerung der Arbeit von Landwirt*innen viel Wertschätzung entgegenbringt (Studie aus Deutschland), tituliert der Begriff „Sklavenarbeit“ immer wieder Medienberichte, wenn es um die Arbeitsbedingungen von Erntehelfer*innen in der Agrarindustrie oder um die prekären Lebensumstände von Kleinbäuer*innen in Europa geht.

Kulturland(wirt)schaft

Mit Beginn des Ackerbaus und der Viehzucht vor etwa 7.000 Jahren entstanden im großteils bewaldeten Europa neue Landschaften und Lebensräume wie Wiesen, Weiden, Äcker. Auch die Ozeane und Meere blieben nicht ungenutzt. Zahlreiche neue Pflanzen hielten Einzug und Pflanzen- und Tierarten wurden gezüchtet. Europa wurde also durch die Landwirtschaft artenreicher.

Der Großteil unserer Umgebung ist „Kulturlandschaft“ – eine durch anthropogene Ökosysteme geschaffene Landschaft mit vorwiegender Nutzfunktion.

Die Land- und Forstwirtschaft sowie die Fischerei haben die große Aufgabe, Landschaften zu erhalten, ihre Artenvielfalt und Ökosysteme zu schützen und ihre Funktionen zu erhalten: Schutz vor Erosion, Lawinenschutz, CO2-Speicher, Erholungsraum, Holz als Brenn- und Baumaterial, Nahrung, Wasser, Rohstoffe für Arzneimittel, Bodenbildung, Aufrechterhaltung des Nährstoffkreislaufs und vieles mehr.

Klimasünder – Klimaretter – Ein Paradoxon?

Sind die Aufgaben der Landwirtschaft lediglich notwendige Reparaturwerkzeuge, der von ihr selbst verursachten Schäden? Diese Frage ist durchaus berechtigt. Bis zu 37 Prozent der Treibhausgase entstehen derzeit in der Lebensmittelproduktion. 70 Prozent des Wasserverbrauchs fällt der Landwirtschaft zu. 70-80 Prozent des Biodiversitätsverlust und der Abholzung passieren im Zuge der Lebensmittelproduktion.

Das Gute ist: In der Umstellung auf nachhaltige Bewirtschaftung steckt somit ein riesiges Potential, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren, CO2-Speicher zu schaffen, Ökosysteme zu erhalten oder wieder zu regenerieren.

Kulturgut Landleben

Die Vielfalt an Kulturtraditionen, die die Landwirtschaft hervorbringt, ist äußerst schützenswert. Sie schaffen Identitäten und formen Gemeinschaften: das Genossenschaftssystem, das Erntedankfest, die Verarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, wie Leinen- oder Schafwollprodukten, Kunsthandwerk, Holzverarbeitung. Eines der höchsten Kulturgüter ist wohl die Koch- und Esskultur. Jede Region hat ihre eigenen Delikatessen und Kochkünste zu bieten. Die Liste ist endlos lang. In einer Welt des ständigen Wandels gelingt es uns durch kulturelle Vielfalt auch leichter, uns immer wieder an neue Umstände anzupassen.

„Wissenshub“ Bauernhof

Für die Transformation in Richtung nachhaltige Landwirtschaft ist traditionelles Wissen über Anbau und Landarbeit essentiell. Vor allem kleinstrukturierte Landwirtschaften haben meist gute Lösungen und Wissen für lokale Bedingungen. Wissensträger*innen sind hier die Indigene Bevölkerung oder auch Bio-Landwirt*innen, die traditionelle Praktiken pflegen und gleichzeitig oft innovative Bewirtschaftungskonzepte hervorbringen.

Zahlreiche Bäuerinnen und Bauern vermitteln ihr Wissen an Kinder und Erwachsene, sei es direkt am Hof, im Rahmen von Workshops und Bildungsveranstaltungen oder am Marktstand. 

Europaweit gibt es immer mehr Bauernhöfe, die Arbeitsplätze und Ausbildungsstätten schaffen für Menschen mit Beeinträchtigungen oder auch für Straffällige, Drogenkranke oder Langzeitarbeitslose.

Der Bauernhof wird zum multifunktionalen Ort: Soziale Einrichtung, Schule, Forschungsfeld, Arbeitsplatz, Ort der Gemeinschaft, Vernetzer über seine Grundgrenzen hinaus. Es braucht aber die richtigen Strukturen und Rahmenbedingungen. Langfristig kann vor allem kleinstrukturierte Landwirtschaft mit nachhaltiger Bewirtschaftung diese Aufgabenfülle gut bewältigen.

Wenn du dich jetzt fragst: schön und gut, aber wie sollen wir Hungersnöte vermeiden, wenn wir nicht Erträge maximieren? Die Antwort ist eine nachhaltige Ernährungsweise, mit der wir 10 Milliarden Menschen gesund ernähren können. Stichwort: Planetary Health Diet

Johanna Lehner
Johanna Lehner

Johanna Lehner, BSc, ist Teil des Redaktionsteams von „Nachhaltigkeit. Neu denken“ und seit 2 Jahren Podcasterin beim Wissenschaftspodcast 5MinutenClimateChance.


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