Neue Gentechnik
ist Symptombekämpfung

Bärtiger Mann

Die Technik wird uns retten! Wenn die Böden ausgelaugt, das Wasser versiegt, die Temperaturen höllisch werden, dann werden uns Drohnen die Arbeit abnehmen und gentechnisch veränderte Pflanzen ganz ohne Wasser wachsen. Oder?

Nachhaltigkeitsexperte Werner Lampert zur Neuen Gentechnik und ihren Versprechen.

Ich sehe nicht, dass die Gentechnik irgendein Problem der Landwirtschaft löst. In den 90er Jahren als sie Einzug in die Landwirtschaft hielt, wurde versprochen – wir brauchen dadurch viel weniger Dünger, viel weniger Gift auf den Äckern, die Erträge sind stabiler. Das Ergebnis war, die Erträge waren nicht stabil, es wurde weit mehr Kunstdünger verwendet als vorher und es wurden weit mehr Pestizide eingesetzt.

Das Versprechen hielt keinen Moment. Es war nichts mehr als Propaganda.

Jetzt kommt die neue Gentechnik (CRISPR/Cas), wieder haben wir keine Erfahrung, wie die Pflanzen reagieren, wie das Umfeld der Pflanzen reagiert.

Das Hauptproblem der Menschen neben der Erderhitzung ist der Biodiversitätsverlust, und diese neue Gentechnik zielt genau darauf ab, Biodiversität zu reduzieren, sie zu manipulieren, sie zu zerstören. Wenn wir von intakter Umwelt Lebensmittel haben wollen, das ist ein Versprechen der biologischen Landwirtschaft, hat Gentechnik keinen Platz, das ist ganz klar!

Was sind die zwei oder drei drängendsten Probleme für die Landwirtschaft heute?

Das allerwichtigste Problem ist die Erderhitzung, und die Landwirtschaft befeuert sie. Laut IPCC ist die Lebensmittelproduktion, wenn wir alle Emissionen aus Land- und Forstwirtschaft, Produktion von Düngern, Landnutzungsänderungen, wie beispielsweise, dass Regenwaldflächen für Sojaanbau umgewandelt werden, einbeziehen, für bis zu bei 37 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Da muss wirklich etwas passieren.

Womit hat es zu tun, natürlich mit der verrückten Viehhaltung, die wir heute in der Landwirtschaft haben. 63 Prozent des Ackerlandes in der EU dienen dem Anbau von Tierfutter. Und damit nicht genug, Europa verbraucht außerhalb Europas eine Landfläche, wie beispielsweise im Regenwald in Südamerika, von der Größe Deutschlands für Tierfutter. Das muss man sich einmal vorstellen.

Es hungern aktuell etwa 828 Millionen Menschen, die Tendenz ist leider wieder steigend und die EU verfüttert Unmengen an Proteinen an Vieh! Also, das ist eines der ganz großen Probleme.

Ein weiteres ist die Fruchtbarkeit der Erde: Wir minimieren systematisch die Fruchtbarkeit des Bodens mit Kunstdüngereinsatz, mit Gifteinsatz, mit Verdichtungen, dem Verlust an Humus. Ohne fruchtbare Erde gibt’s keine Ernährung, gibt’s keine Menschen auf dieser Welt. Der Verlust des Humus ist zur gleichen Zeit verbunden mit CO2. Umgekehrt könnte die Landwirtschaft und Forstwirtschaft wahnsinnig viel CO2 im Boden binden. Wenn wir jedes Jahr 0,4 Prozent Humus aufbauten, könnte der menschliche CO2-Ausstoß gepuffert werden, ein unglaubliches Ausmaß. Dazu braucht es auch einen gesunden Wald. Nicht diese Monokulturen, diese Zerstörungswälder, diese kapitalisierten Wälder, sondern einen dem Klima und den Herausforderungen dieser Welt entsprechenden Wald, mit hitzeresistenten Arten.

Was unterscheidet gentechnisch veränderte Pflanzen von züchterisch veränderten Pflanzen aus Ihrer Sicht?

Wissenschaftler*innen der Saatgutkonzerne erklären uns: Die neue Gentechnik, CRISPR/Cas ist eigentlich das selbe Verfahren, wie der normale züchterische Vorgang. Doch diese Wissenschaft hat die Landwirtschaft in diese Katastrophe geführt, in der sie heute ist. Die konventionelle Landwirtschaft ist mit viel Macht und Geld unserer Steuermittel an die Wand gefahren worden. Dass eine Kuh 14.000 bis 18.000 kg Milch im Jahr geben muss, und nach einer oder zwei Laktationen kaputt ist, ist die Leistung der amerikanischen Wissenschaft.

Im Bio-Bereich beginnt es endlich wieder aufzuleben, dass wirklich Bäuerinnen und Bauern im Besitz des Saatguts und des Wissens sind, wie man Saatgut vermehrt. Dass sie ihr Saatgut selber produzieren können, das ist eigentlich die Grundbedingung einer biologischen Landwirtschaft, das ist die Grundbedingung einer Landwirtschaft schlechthin. Und das wird natürlich mit der CRISPR/Cas-Methode zerstört. Das ist nochmals eine Enteignung der Bäuerinnen und Bauern, es wird ihnen wieder ein Produktionszweig, etwas was zu ihnen ursächlich gehört, genommen.

Verändern biotechnologische Methoden wie CRISPR/Cas Ihre Sicht auf die Gentechnik? Aus welchen Gründen nicht/schon?

CRISPR/Cas ist natürlich eine geniale Angelegenheit, zwei Wissenschaftlerinnen haben ja nicht zuletzt einen Nobelpreis dafür erhalten. Die Methode soll dorthin, wo sie Frieden stiftet und Glück bringt, und soll die Landwirtschaft in Ruhe lassen.

Handelt es sich bei CRISPR/Cas aus Ihrer Sicht um konventionelle Gentechnik?

Ja, CRISPR/Cas ist ein Gentechnikverfahren, wie das alte auch, im Sinne von, dass auch früher schon versprochen wurde, dass man ganz genau eingreifen kann und manipulieren kann. Die Auswirkungen sind aber wieder nicht abschätzbar. Für mich ist es die selbe Art von Gentechnik und sie muss natürlich gekennzeichnet werden. Die Konsumierenden müssen wissen, ob sie ein gentechnisch verändertes Produkt in Händen halten. Die europäische Kommission darf da nicht schwach werden, das wäre schrecklich. Das wäre wirklich eine Manipulation der Konsumierenden und wäre ein schwerer Schlag gegen die Bio-Landwirtschaft.

Ist eine Gentechnik vorstellbar, die mit biologischem Landbau vereinbar ist? Wie sähe diese aus?

Nein.

Wenn die Umstände (Konzerne, Patente auf Saatgut, die gentechnisch hergestellte Pestizidresistenz usw.) anders wären, wäre Gentechnik dann eine Option, um schnell zu neuen Sorten zu kommen?

Im biologischen Landbau werden keine synthetischen Pestizide, kein Gift eingesetzt. Durchgängige Kontrollmechanismen geben Konsumierenden Sicherheit. Für einen biologischen Landbau ergibt Gentechnik sowieso keinen Sinn.

Afrika ist die Mülltonne Europas und wahrscheinlich auch Amerikas. Alles was ausprobiert wird, was hier nicht funktioniert oder nicht erlaubt ist, wird in Afrika eingesetzt. Ein Bauer aus Kamerun hat mir erzählt, dass sie dafür bezahlt wurden ein neues Saatgut einzusetzen. Er hat auf einem seiner Felder das neue und auf einem anderen die alten Sorten noch von seiner Urgroßmutter gesät. Mit dem modernen Saatgut konnte niemand umgehen, und es war nicht an die Lokalitäten adaptiert, es gedieh nicht. Das alte Saatgut war natürlich standortbezogen, hat die ganze Erfahrung und das Wissen aus vielen Jahrzehnten mit sich getragen. Das gentechnisch manipulierte ist eingegangen. Er hat nichts geerntet.

Mit seinem uralten Saatgut hat er eine gute Ernte gehabt und konnte die Familie ernähren.

Schöpfen wir aus der noch vorhandenen Biodiversität, statt sie zu manipulieren.

Sollte die EU das Gentechnikverbot überdenken, um zum Beispiel Weizen wieder der Wild/Urform anzunähern? Gibt es eine Notwendigkeit, das Gentechnikverbot zu überdenken?

Nein.

Wie erleben Sie die derzeitige Debatte um Ernährungssicherheit und Weizenpreise?

Ernährungssicherheit ist eng verknüpft mit Ernährungssouveränität.

Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten den Konsumierenden vorgetäuscht: Von überall auf dieser Welt können Lebensmittel herkommen, wir müssen sie dort beziehen, wo sie am billigsten sind.

Die Ernährungssicherheit vor Ort wurde überhaupt nicht mehr wertgeschätzt. Schon seit bald 20 Jahren bringt unser Unternehmen regionale Landwirtschaft und Ernährungssouveränität ins Spiel und macht Konsumierenden klar, welches hohe Gut sie sind. Dort, wo man wohnt, dort, wo das eigene Leben sich abspielt, von da müssen auch die Lebensmittel kommen. Wir dürfen das Recht nicht aus der Hand geben, darüber selbst zu bestimmen, wie Landwirtschaft betrieben wird, wie Lebensmittel produziert werden. Das Selbstbestimmungsrecht gehört zu Ernährungssouveränität dazu.

Wie begegnen Sie etwa diesem Argumentationsstrang: Während WissenschaftlerInnen etwa des PIK Potsdam auf die Notwendigkeit hinweisen, weniger Fleisch zu essen, argumentiert etwa Matin Quaim (Uni Bonn), es sei Zeit, das Gentechnik-Verbot zu überdenken und den Bioanteil keinesfalls zu erhöhen. Auch Biodiversitätsflächen müssten überdacht werden. Der Flächenbedarf von Bio sei zu hoch, die Erträge zu gering.

Es gibt Wissenschaftler*innen, die leider ein anderes Wissenschaftsverständnis haben. Sie haben einen Tunnelblick und lassen umfassende Erkenntnisse nicht zu. Vielfach hören wir, dass der Krieg der Russen in der Ukraine den Hunger in die Welt bringen wird, in Afrika werden die Menschen verhungern, weil es zu wenig Weizen geben wird. Deshalb müssen wir die Biodiversitätsflächen aufgeben, die ersten zarte Wege, der konventionellen Landwirtschaft in die Nachhaltigkeit müssen wir vergessen. Wir müssen weitermachen wie bis jetzt, und wir brauchen natürlich die Gentechnik, um liefern zu können.

Aber um diese Probleme zu lösen, braucht es keine Gentechnik! CRISPR/Cas sehe ich als die neue Eskalationsstufe. So wie Putin seine Kriege führt, geht es in der Landwirtschaft zu. Jedes Jahr oder alle Jahrzehnte gibt es neue Eskalationen in der Landwirtschaft. Die letzte Stufe der Eskalation ist natürlich die Gentechnik.

Wir lassen alles, so wie es ist: Wir richten das Leben in den Böden, die Fruchtbarkeit, den Humus zugrunde. Wir zerstören die Biodiversität, obwohl sie unsere Lebensgrundlage ist.

Ohne Biodiversität gibt es keine frische Luft, kein gesundes Wasser, gibt’s kein Leben auf dieser Erde. Wir zerstören die Biodiversität weiter, aber dafür haben wir Gentechnik.

Das sind die Eskalationsstufen, in die wir hineingehen. Und ich bin gespannt, was nach dieser Gentechnik kommt, denn CRISPR/Cas wird genauso eine Pleite, weil es die Probleme der Landwirtschaft nicht lösen wird, so wie die alte es nicht konnte.

Wir müssen das Netz der Natur ansehen, wir müssen es im Gesamten ansehen, was zerstört, was für Umweltkatastrophen löst die konventionelle Landwirtschaft für alle aus? Wie muss eine Landwirtschaft transformiert werden, dass sie wieder produktiv sein kann, ohne zu zerstören? Da brauchen wir nicht die Eskalation Gentechnik.

Findet aus Ihrer Sicht gerade eine Art Backlash gegen die Biolandwirtschaft statt?

60 Jahre habe ich mit der Bio-Landwirtschaft zu tun, ich habe das einige Male erlebt. Das ist natürlich für die Chemiekonzerne und Saatgutproduzenten ein wirkliches Desaster, dass die biologische Landwirtschaft langsam so stark wird und die Konsument*innen zu Bio greifen. Das ist wiedermal ein Versuch Bio schlecht zu machen, Bio zurückzudrängen. Ich denke, dass wir jetzt in einer Zeit leben, wo Bio es sehr schwer haben wird. Umso wichtiger, dass Bio zum Synonym für nachhaltige Landwirtschaft wird. Wir sind auf dem Weg dahin.

Es wird auf diesem Planeten keine Zukunft für uns Menschen geben, wenn wir nicht nachhaltig Lebensmittel produzieren und nachhaltig mit diesem Planeten umgehen.

Diese Schläge, die wir jetzt bekommen, müssen wir dazu nutzen, noch einmal klarer den Kern von Bio zu festigen, herauszuschälen. Bio verbunden mit Nachhaltigkeit gehört die Zukunft, es gibt keine Alternative für Bio. Es gibt keine.

Für die Ernährung gibt es keine Alternative. Die industrialisierte Landwirtschaft ernährt nicht die Welt. 56 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion weltweit, wird von Familienbetrieben aufgestellt. 98 Prozent der Betriebe sind kleinbäuerliche Betriebe, das darf man nie vergessen. Wenn wir von der industrialisierten Landwirtschaft sprechen, sprechen wir von der kapitalbesetzten, total kapitalisierten Landwirtschaft, aber nicht von der Lebenswirklichkeit, in der Menschen leben, von der Menschen sich ernähren.

Wie kann sich die Landwirtschaft an den Klimawandel anpassen?

Entweder wird die Landwirtschaft Methoden finden, mit der Erderhitzung umzugehen, oder die Erderhitzung wird die Landwirtschaft auslöschen. So einfach ist das. Elementar wird der Humusaufbau – Humus speichert CO2, speichert aber auch viel Wasser und kann dieses schneller aufnehmen, gleichzeitig liefert fruchtbare Erde mehr Ertrag. Mischkulturen, wie Agroforst, und alte robuste Sorten werden wiederkehren.

Wenn Sie den Klimawandel, den Krieg, die Energiekosten usw. betrachten, steht die Landwirtschaft gerade an einem Scheideweg?

Ja, definitiv.

In welche Richtung geht es?

Was im Moment in der Welt und in Europa passiert, beeinträchtigt die Landwirtschaft massiv, und beeinträchtigt vor allem das Konsumverhalten. Denn wenn die Preise 20-30 Prozent steigen, wenn die Energiekosten so davon traben, werden natürlich viele Menschen genau zählen müssen, genau umgehen müssen mit ihrem Geld, was sie sich leisten können, und sie greifen natürlich zu den billigsten Lebensmitteln, die am katastrophalsten für diese Welt und den Bestand dieses Planeten sind. Aber damit werden wir jetzt leben müssen, und ich denke, es wird 2-3 Jahre dauern, die wir durchtauchen und überstehen müssen.

Aber wir werden die 2-3 Jahre nutzen, um Bio noch resilienter zu machen, noch besser und Bio noch mehr mit Nachhaltigkeit zu verbinden.

Denn wie schon einmal gesagt, zu Bio gibt es keine Alternative.

Interview vom Juni 2022

Das Interview führte Cathren Landsgesell. Auszüge daraus erschienen im Pragmaticus.

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