Extra achtsam
Ein Selbstversuch

Burmesischer Fischer balanciert

Practice what you preach: das Thema Achtsamkeit lädt zum Selbstversuch ein, und dann doch am liebsten im Team, dieses Mal im Lampert Team. Die Challenge: zwei Wochen lang den Fokus immer wieder in den Moment zu holen und Achtsamkeitspraktiken auszuprobieren. Acht Motivierte meldeten sich.

Das tägliche, achtsame E-Mail

Das Erste, was uns während des Versuchs in der Früh im Büro erwartet hatte, war ein ‚achtsames‘ E-Mail, das das Achtsamkeits-Motto des Tages anteaserte, mit Fragen und Anregungen, die den ganzen Tag begleiten sollten, wie beispielsweise:

Nehmt euch heute bewusst Zeit für die Zubereitung eures Essens. Versucht wirklich nur zu essen. Weder zu reden, noch zu denken. Urteilt nicht über den Geschmack. Beobachtet einfach eure Empfindungen und Gefühle, die beim Essen entstehen.“

Oder:

Achtet heute auf eure Begegnungen. Wem begegnet ihr? Welcher Kontakt findet statt? Wie nehmt ihr die Menschen wahr, denen ihr begegnet? Was gibt es im Gesicht, in den Augen dieser Menschen zu entdecken?

Auch das bewusste Atmen, Trinken, Kommunizieren, Erleben der Natur etc. fanden abwechselnd Platz.

„Ich habe mir einen Wrap gefüllt, einfach, mit wenigen Zutaten, weil ich es mag, die einzelnen Komponenten herauszuschmecken. Ich habe mich über den frischen Rucola von der Terrasse gefreut, den cremigen Aufstrich, ich habe den Käse langsam schmelzen lassen, der Duft hat mir das Wasser im Mund zusammenfließen lassen. Und dann die scharfe Sauce! Ich habe mich auf jeden Bissen konzentriert, habe den Mund voll genommen und leidenschaftlich gegessen. Der Wrap hat so voll und gut geschmeckt. Ich war danach total satt und befriedigt.“ (Zitat einer Teilnehmerin)


‚Das wollte ich immer schon ausprobieren‘-Programm

Zusätzlich wurde auf Basis der Wünsche aller „Versuchskaninchen“, was sie immer schon ausprobieren wollten, ein angeleitetes Programm gebastelt. Teile davon kamen aus dem Mindfulness-Stress-Reduction-Program von Jon Kabat Zinn. Aber es gab auch Einführungen in Qi Gong, das Waldbaden nach der japanischen Tradition des „Shinrin Yoku“, Yoga, eine Zazen-Meditation und einiges mehr.

Die Impulse wurden entweder von jemandem aus der Gruppe oder professionellen Achtsamkeits-Praktizierenden angeleitet (per Video).

Geschmäcker sind verschieden

Viele sind eindeutig zu Body-Scan-Fans konvertiert. Nach Jon Kabat Zinns halbstündiger ‚Body-Scan‘ Meditation fühlten sich manche so tiefenentspannt, dass sie am liebsten vor lauter Wohlbefinden und Leichtigkeit geschnurrt hätten wie eine Katze. Andere beobachteten, dass man danach wunderbar schlafen könne. Wieder andere fanden es „dann doch etwas langatmig“.

Große Aha-Effekte löste das Waldbaden „Shinrin Yoku“ aus. Das Fazit des Teams: Weitermachen, vertiefen und als Routine beibehalten. Nur einer Teilnehmerin ist während des Waldbades vor lauter Entspannung der Hund davongelaufen, weil er achtsam ein Eichhörnchen entdeckt hatte. Was den entspannenden Effekt kurzfristig zum Erliegen brachte. Der Hund ist wieder aufgetaucht, das Eichhörnchen wohlauf. Ihr Fazit lautet: Waldbaden gerne wieder…aber besser ohne Vierbeiner.

Yoga durfte natürlich auch nicht fehlen. Selbst hartgesottene und erfahrene Yogis stellten fest, dass es sich lohnt, was Neues auszuprobieren, sich beispielsweise auf andere Lehrende einzulassen, und den eigenen Yoga-Horizont zu erweitern.

Die japanische Zazen Meditation hat vor allem Teilnehmenden gut gefallen, die es schwierig finden, sich beim Meditieren nicht von den eigenen Gedanken einholen zu lassen. In unserem Fall war es eine 24-minütige Klangschalen-Meditation im Sitzen. Mit jedem sanften Schlag auf die Schale lassen sich Gedanken abschütteln, die während der Meditation versuchen, eine Gegenveranstaltung anzuzetteln.

„Wunderbar! Normalerweise habe ich Probleme in eine längere Meditation hineinzufinden, aber durch die Klänge war es ganz einfach. Sie erfüllen den Geist so sehr, dass man sich auf nichts anderes fokussieren kann. Ich bin begeistert!“

(Zitat einer Teilnehmerin )

Keep calm and stay mindful

Zwei Wochen sind zwei Wochen. Spannend wird das Danach. Genau wie bei einer Diät geht es nicht um kurzfristige Erfolge. Es geht um eine veränderte Haltung und damit verbunden eine lebenslange Entwicklung. Alle Versuchskaninchen haben durch den Versuch erfahren, wie schwierig es ist, konsequent achtsam zu sein, aber auch wie lohnend es sein kann.

Kaum jemand hat an allen Angeboten teilgenommen, aber das war auch nicht das Ziel. Wir haben die Erfahrungen gemacht, die uns wichtig und möglich waren. Der Anfang ist gemacht.

Wir haben hineingeblinzelt in eine Lebenshaltung, die uns verheißungsvoll anzieht. Haben einen Vorgeschmack erhalten, wie es sich anfühlt nicht ständig den Fokus zu verlieren, die Poren zu öffnen, ohne gleich zu bewerten und zu urteilen. Und dadurch alles intensiver wahrzunehmen: Farben, Essen, Begegnungen, Gespräche… Alle wollen definitiv mehr davon!

Denkzettel

Zum Abschluss unseres Experiments haben wir eine Checkliste erstellt, um das Ziel Achtsamkeit im Auge zu behalten:

  • Ich renne nicht zum Bus. Es kommt wieder einer.
  • Mir fällt auf, wenn wo ein schöner Käfer krabbelt oder ein Vogel singt.
  • Ich schaue meinem Gegenüber in die Augen.
  • Ich nehme mein Smartphone nicht mit aufs Klo. Never ever.
  • Ich lasse mich nicht mehr vom Stress, den andere haben, anstecken.
  • Ich esse nicht, ohne vorher überlegt zu haben, ob ich eigentlich hungrig bin.
  • Ich kaufe nur, was ich brauche (und sicher nichts im XXL-, Super-Sonder-, Mega-, Vorteils-Angebot).
  • Ich atme mehrmals am Tag bewusst tief durch.
  • Ich lese nur, was ich wirklich lesen will (Gleiches gilt für das Hören und Schauen).
  • Ich schaue nur auf mein Smartphone, wenn ich wirklich etwas von ihm will. (Mehr zu Digital Detox)
  • Ich verwöhne meinen Körper mit Bewegung.
  • Eine bestimmte Sache, die mir guttut und mich ausgeglichen macht, praktiziere ich regelmäßig – wenn nicht täglich, dann wöchentlich.
  • Jeder meiner Tage hat einen stillen Moment.

Achtsamkeitspraktiken zum Ausprobieren:

Body Scan Meditation (30 min, Jon Kabat Zinn)

Breathing Space (3 min, Jon Kabat Zinn)

Waldbaden Erklärvideo (5 min)

Zazen Meditation (25 min)

Qi Gong (40 min, Shaolin Mönch)


Autorin: Sybille Chiari

Dr. Sybille Chiari ist Teil des Redaktionsteams von „Nachhaltigkeit. Neu denken“ und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Nachhaltigkeits- und Klimakommunikation – forschend und schreibend. Sie ist Teil der Bewegung Scientists for Future und Obfrau des Vereins Bele Co-Housing (Gemeinschaftswohnprojekt mit biologischer, regenerativer Landwirtschaft www.belehof.at).

 

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