Baden
im Wald

Frau mit Hut blickt in Wald

Der Trend rund ums „Waldbaden“ begann eigentlich mit der Marketing-Idee eines findigen Japaners.

Der japanische Forstverwalter wunderte sich in den 80ern darüber, dass Japans Wälder so wenig für Erholungszwecke genutzt werden. Er setzte eine Kampagne auf, die dazu einlud, tiefer in Japans Wälder einzutauchen und „Waldbäder“ (Shinrin Yoku) zur Regeneration zu nehmen. Immerhin bedecken Wälder mehr als zwei Drittel des Landes, wohingegen sich die gestresste Stadtbevölkerung oft auf engem Raum zusammendrängt.

Dass sich diese Kampagne in einen globalen Achtsamkeits-Trend auswachsen würde, hätte er vermutlich nicht erwartet.
Denn Waldbaden fördert nicht nur das „Image“ der japanischen Wälder, sondern auch Erholung, Stressabbau und Achtsamkeit.

Kein Wald in Sicht?

Um ein Waldbad zu nehmen, braucht es nicht unbedingt einen buschig dichten Wald. Wo kein Wald in der Nähe ist, genügt auch ein Park. Im formschönen japanischen Schriftzeichen für „Shinrin Yoku“ gibt es deshalb nicht nur ein Zeichen für „viele Bäume“ (oben), sondern auch eines für „wenig Bäume“ (mittig). Hauptsache Bäume eben. Wobei es egal ist, ob man die Frühlingsblüte auf einer Streuobstwiese genießt, durch Parks mit einigen Bäumen schlendert oder sich durch dichte Buchen- oder Fichtenwälder bewegt.

Wie nimmt man ein Waldbad?

Bademantel und Handtuch kann man getrost Zuhause lassen. Beim Waldbad wird man nicht nass. Man braucht eigentlich nur Bäume und Zeit. Idealerweise 2 Stunden. Die kann man ganz nach Geschmack sitzend oder gehend verbringen. Man schlendert aber nicht einfach nur gedankenverloren durch den Wald, sondern aktiviert bewusst alle Sinne. Nach dem Motto: Augen auf, Ohren auf, Poren auf.

Moos nach der Blüte

Ich sehe was, was … ich noch nie gesehen habe

Waldbaden lädt dazu ein, den eigenen Röntgenblick anzuwerfen. Sich heranzuzoomen an Details, wie Knospen, Früchte, Blätter oder Rinde. Hast du schon mal gesehen, wie Moos blüht? In winzig kleinen, weißen oder grünen Blüten?

Oder bist du schonmal wirklich in die Wunderwelt von Rinden eingetaucht? In Buchenstämme, die so aussehen, als stünden massive graue Riesen-Elefanten im Wald? In die rissige, gefurchte Rinde von Kiefern, die im Abendlicht rot zu leuchten beginnt? Oder in weiß-gelbe ‚Baumtatoos‘: Flechten, die gerne Erle, Ahorn, Esche & Co schmücken?

Baumflechten

Beim Waldbaden lässt man den Blick aber auch immer wieder in die Ferne schweifen. Schaut, wo Licht und Schatten ist. Im Japanischen gibt es einen eigenen Begriff für Sonnenlicht, das durch die Blätter der Bäume gefiltert wird: Komorebi.

Komorebi (jap. Licht, das durch Blätter fällt)

Die Kunst des Lauschens

Akustisch hat das Waldbad ebenfalls einiges zu bieten. Raschelnde Blätter, knackendes Holz. Vielleicht trommelt ein Specht. Oder fiept ein Kleiber. Vielleicht gibt ein Buchfink seine unverkennbare Arie zum Besten. Oder ein Zaunkönig schmettert lautstark und beharrlich, was man diesem Zwerg (immerhin der drittkleinste Vogel Europas) niemals zutrauen würde.
Das Hinschauen und Hinhören soll uns aber nicht vom Hinfühlen abhalten. Die Poren weit zu öffnen, und Blätter, Baumstämme, Pflanzen etc. anzugreifen, ist ebenfalls Teil des Waldbads. Ebenso das tiefe und bewusste Atmen.

Wirkt Waldbaden wirklich?

Dass es sich beim Waldbaden um alles andere als einen Marketing-Gag handelt, ist wissenschaftlich bestens belegt. In den 90er Jahren gab es erste wissenschaftliche Versuche durch Yoshifumi Miyazaki, die nachwiesen, dass Waldbaden unser Stress-Level (zum Beispiel das Stress-Hormon Cortisol) senkt. Inzwischen weiß man immer besser: Waldbaden senkt den Blutdruck, senkt Stress und stärkt präventiv das Immunsystem auf eine Weise, die uns grundsätzlich gesünder, weniger anfällig und robuster macht.

Viele unabhängige Studien bestätigten die entspannende und stressmindernde Wirkung des Waldbadens. Vor allem auf depressive Versuchspersonen wirkt ein Waldbad nachweislich stimmungserhellend.
Besonders positiv wirkt ein spezieller Stoff, den Bäume an die Waldluft abgeben: Terpene. Sie stärken das Immunsystem und setzen zelluläre „Aufräumprozesse“ in Gang. Der Kontakt zur Pflanzenwelt und ihren bioaktiven Substanzen ist also ein wichtiger Baustein, um uns gesund zu halten.

Ein Waldbad lohnt sich. Immer.

Ein Waldbad tut uns aber auch auf einer viel tieferen Ebene gut. Es lässt uns an eine alte Liebe andocken. Wenn wir uns unsere Ur-Landschaft vorstellen, quasi die Bühne unserer menschlichen Entwicklung, tauchen Savannen vor uns auf. Bäume spielten hier für uns die zentrale Rolle. Sie boten uns jahrtausendelang Sicherheit, Schutz und Nahrung. Unser Körper erkennt den Wald als ‚Zuhause‘ an. Wir lieben Bäume einfach.


I called it my giving tree because it inspires me. I love climbing trees in general, but this tree I loved the most because I climb up high and look down at its branches and I just love it…so many ideas. I‘ve written so many songs from this tree. I wrote: Heal the World in this tree. Will you be there, Black or white, Childhood. I love climbing trees.“
(Michael Jackson)

Quellen

  • Miyazaki, Yoshifumi (2018): Shinrin Yoku. Albatroz, Porto
  • Furuyashiki, A., Tabuchi, K., Norikoshi, K. et al. A comparative study of the physiological and psychological effects of forest bathing (Shinrin-yoku) on working age people with and without depressive tendencies. Environ. Health Prev. Med 24, 46 (2019).

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