EU-Mercosur-Abkommen: Auswirkungen auf Landwirtschaft und Bio-Markt in Europa

Markt unter Wellblechkonstrukt mit tropischen Früchten

Das EU-Mercosur-Abkommen gehört zu den größten geplanten Handelsabkommen der Europäischen Union. Seit über 25 Jahren wird verhandelt, 2026 wurde der Vertrag politisch unterzeichnet. Der sensibelste Punkt des Abkommens liegt im Agrarsektor.

Was ist das EU-Mercosur-Abkommen?

Der Mercado Común del Sur ist ein Gemeinsamer Markt des Südens Amerikas. Mitgliederstaaten sind Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Der Binnenmarkt Mercosur ist mit einer Fläche von mehr als 12 Millionen km² größer als China, Kanada oder die USA. Gemeinsam mit der EU würde dadurch eine der größten Freihandelszonen der Welt entstehen.

Ziel des Abkommens ist es:

  • Zölle abzubauen,

  • Handelshemmnisse zu reduzieren,

  • Marktzugänge für Industrie- und Agrarprodukte zu erleichtern.

Während Industriebranchen auf neue Absatzmärkte hoffen, wird besonders im Agrarbereich intensiv diskutiert. Denn hier treffen sehr unterschiedliche Produktionssysteme, Kostenstrukturen und Nachhaltigkeitsstandards aufeinander.

Ein Abbau von Zöllen könnte europäische Industrieprodukte (etwa Maschinen oder Fahrzeuge) deutlich wettbewerbsfähiger machen. Im Gegenzug würden Agrarprodukte aus Südamerika leichteren Zugang zum europäischen Markt erhalten, darunter:

  • Sojabohnen und Sojaschrot

  • Rindfleisch

  • Geflügelfleisch

  • Zucker und Ethanol

Sojaimporte, Futtermittel und Preisdruck

Bereits heute importiert die EU jährlich Millionen Tonnen Soja (überwiegend aus Brasilien und Argentinien) um die europäische Tierhaltung zu versorgen. Rund 85–90 % des in der EU eingesetzten Sojas stammen aus Importen (Quelle: Europäische Kommission, EU Protein Strategy). Ein Großteil davon wird in der konventionellen Tierhaltung als Futtermittel eingesetzt. Wenn Handelsbarrieren weiter sinken, könnte sich diese Abhängigkeit vertiefen.

Preise sind für Fleisch ohnehin schon sehr niedrig:
Laut AMA-Marktdaten und Preiserhebungen im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel wird 1 kg konventionelles Hühnerfleisch regelmäßig zu Aktionspreisen unter 5 € angeboten (Quelle: AMA Marktberichte Geflügel, Handelsbeobachtungen 2024/2025).

Solche Preise sind möglich durch:

  • hochintensive Tierhaltung

  • globale Rohstoffströme

  • importierte Futtermittel

  • starke Skaleneffekte

  • enormen Kostendruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette

Ein Markt, in dem 1 kg Hühnerfleisch weniger kostet als etwa ein 1 kg saisonales Bio-Gemüse, zeigt, wie stark sich die konventionelle Lebensmittelwirtschaft bereits an globalen Rohstoffströmen orientiert.

Die zentrale Frage lautet daher:
Soll Wettbewerb primär über den niedrigsten Futtermittelpreis entschieden werden – oder über Qualität, Transparenz und nachhaltige Produktionssysteme?

2 sich schüttelnde männliche Hände

Auswirkungen auf Bio-Landwirtschaft und Bio-Markt in Europa

Kurzfristig sind für den europäischen Bio-Sektor keine unmittelbaren strukturellen Veränderungen zu erwarten:

  • EU-Bio-Standards bleiben verbindlich

  • importierte Produkte müssen weiterhin EU-Vorgaben erfüllen

  • Zertifizierungssysteme sichern klare Produktionskriterien

Langfristig hängt die Wirkung des EU-Mercosur-Abkommens auf die Bio-Landwirtschaft in Europa jedoch von der politischen Ausgestaltung ab.

Entscheidend ist:

  • Werden ökologische und soziale Standards überprüfbar und sanktionsfähig ausgestaltet?

  • Bleiben faire Wettbewerbsbedingungen für europäische Bio-Betriebe gesichert?

  • Werden regionale Wertschöpfung und resiliente Strukturen weiterhin politisch gestärkt?

Regionale Bio-Strukturen als Stabilitätsfaktor in Europa

Ein stabilisierender Faktor für den Bio-Markt, insbesondere im DACH-Raum, bleibt seine starke regionale Prägung. Gerade diese Verwurzelung in gewachsenen Strukturen, langfristigen Partnerschaften und klar definierten Qualitätsstandards macht den Sektor robuster gegenüber globalem Preisdruck.

Die Globalisierung der Märkte und damit auch der Landwirtschaft ist Realität. Aus rein ökonomischer Perspektive erscheint es sinnvoll, Produkte dort herzustellen, wo die Produktionskosten am niedrigsten sind, während wissensintensive Leistungen in Hochlohnländern entstehen. Doch ein genauerer Blick auf die Ursachen vermeintlich „günstiger“ Standorte zeigt, dass Kostenvorteile häufig auf schwächeren Arbeitsrechten sowie niedrigeren Natur-, Tier- und Umweltschutzauflagen beruhen.

Diese Unterschiede werden besonders im Fleischmarkt sichtbar. Österreichische Rinderhalter*innen beobachten mit Sorge, wie günstiges Rindfleisch aus Südamerika den europäischen Markt erreicht. Ursprünglich standen weidende Tiere auf den fruchtbaren Grasflächen der Pampa Húmeda für extensive, naturnahe Produktion. Doch mit wachsender globaler Nachfrage hat sich auch dort die Struktur verändert: Ein erheblicher Teil der Tiere wird inzwischen in riesigen Farmen gehalten und mit Kraftfutter gemästet.

Der Bio-Sektor ist also strukturell stabiler als der konventionelle Markt, aber nicht vollständig von gesamtwirtschaftlichen Preisbewegungen entkoppelt. Wenn sich der Abstand zwischen Billig- und Qualitätsprodukten weiter vergrößert, wächst der Erklärungsbedarf gegenüber Konsument*innen.

LAMPERT-Position: Authentische Regionalität als Antwort

Die Zukunft des europäischen Bio-Marktes entscheidet sich nicht an Zollgrenzen, sondern an der Konsequenz, mit der Qualität, Transparenz und Nachhaltigkeit umgesetzt werden.

Unser Grundwert der authentischen Regionalität bedeutet:

  • geschlossene Kreisläufe

  • regionale Futtermittel

  • transparente Lieferketten

  • messbare Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfung

Handelsabkommen dürfen nicht zu einem indirekten Druck auf ökologische Standards führen. Marktöffnung sollte nur dort erfolgen, wo Nachhaltigkeitsstandards verbindlich überprüft werden und faire Wettbewerbsbedingungen gesichert sind.

Was kann nun jede/r einzelne von uns tun?

Lassen Sie das 5 € Huhn liegen und greifen Sie zu hochwertigen Produkten. Wenn Sie gleichzeitig Ihren Fleischkonsum reduzieren, kommt dies auch nicht teurer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert